#1 Begegnung mit Flindt (first draft)

Ich traf also Edmond Cornelius Flindt, als ich es am wenigsten vermutete. Es war schon etwas spät am Abend und vielleicht saß ich auch schon zu lang allein hier an der Bar, in einsamer Begleitung einiger Glen Morays. Daher weiß ich es auch nicht mehr ganz genau, wann ich dem Alten zuzuhören begann und ob ich mich nicht doch verhört hatte. Mit jedem neuen Satz hatte ich dennoch das Bedürfnis, mich gerader auf meinen Hocker zu setzen.
„… die Firma hat einige Wäschereien, wissen Sie? Wäschereien, chemische Reinigungen, Putzkolonnen, all so etwas. Immer auf Sauberkeit bedacht, die Guten. aber es sind vor allem die Waschsalons! Haben Sie sich schon einmal gefragt, was in einem Waschsalon, der rund um die Uhr geöffnet hat um 3 Uhr des Nachts gewaschen wird? Richtig, alles andere als die dreckigen Schlüpper von Tante Ester! Geld für dort gewaschen, im Schonwaschgang… Wenn man also die abstehenden Fitzelchen an der Fassade des Firmengebäudes abpult, und dann kann man einen sauberen Blick auf Drogen erhaschen, Mädchenhandel und einige andere mehr oder weniger legale Schiebereien. Alles schön und den Deckmantel der Reinlichkeit.
Ich war der Mann für’s Grobe. MfG! Auskundschaften, verschwinden lassen, vergessen, war das beste. Wenn also jemand den Geschäften im Wege stand, fort damit! Ab mit den Kopf, wenn Sie verstehen. Es war eine einfache Sache: Ich fragte bei Carlos im Kiosk, kennen Sie den Kiosk? Hinten auf der Landreiter den? Genau, Carlos. Waren Sie schon bei ihm? Sie haben keine Ahnung, wie weit man da nach hinten durch gehen kann… Und ganz hinten hat er ein schwarzes Regal.
Er wird auch von unserem Schlachter beliefert, also würde ich demnächst auf Bifteki verzichten dort… An Ihrer Stelle würde ich ganz auf Fleisch verzichten, so gesund sehen Sie nicht mehr aus, nein. Und Sie sollten gesund sein, bei dem, um das ich Sie gleich bitten muss… Nein, eine Bitte ist es genau genommen nicht, denn Sie haben ja keine andere Möglichkeit.
Ich frage also Carlos, ob Post für mich da ist. Und er geht für mich nach hinten, zum schwarzen Regal…“
Ich sah, wie Cornelius Flindt seinen Arm ausstreckte, um den Barkeeper zu rufen. Ein merkwürdig langer Arm. Im ganzen war dieser Mann sehr groß. Der Barkeeper schien ihn völlig zu ignorieren. Irgendetwas an meinem Gesprächspartner war merkwürdig und es hätte mir auffallen müssen, wenn ich zu diesem Zeitpunkt bereits gewusst hätte, worauf es hinauslaufen sollte. Wenn es nicht zu unschicklich gewesen wäre, hätte ich gerne mit meinem Zeigefinger in seine Wange gedrückt, nur um zu prüfen, ob er echt ist. Und ich dachte die ganze Zeit darüber nach, während er versuchte, die Aufmerksamkeit des Barkeepers zu erlangen.
Wie groß konnte die Gefahr sein, von einem dieser mächtigen Unterarme einen kräftigen Schwinger mitten in mein Gesicht zu bekommen, wenn ich mich unerlaubt in seinen Tanzbereich begäbe. Seine Haut schien einen sonderbaren metallischen Glanz zu haben, aber seine Augen funkelten während er sprach, was eindeutig für seine Echtheit sprach. Vielleicht war es eine Art ausgezeichnten Hologramms, vielleicht auch nur schon zu viel Whisky. Cornelius Flindt beugt sich erschreckend weit über den Tresen und holte mit seiner Kelle in Richtung Barkeeper aus. Hätte er ihn erwischt, nicht auszudenken…
„Hey, Nic! Mach mir endlich meine Apfelschorle, ja?! Ich hab eine trockene Kehle und noch viel zu erzählen! Ich weiß, dass er wahrscheinlich nicht Nic heißt, aber er erinnert mich an ihn… Nic Shanker? Ein Begriff? Nein? Naja, nomen est omen… und das könnte man bei mir ja auch beinahe behaupten, nur geschossen hab ich nie… getöten viel, geschossen nie, nein. Wo war ich stehen geblieben? Bei Carlos und seinem schwarzen Regal, ja. Man, war das ein Regal! Groß und dunkel und meist entschied es über Leben und Tod. Natürlich nicht das Regal selbst, dass weiß ich. Eine Metapher sozusagen, verstehen Sie? Eine Instanz war das regal ganz sicher. Schaute dich von oben herab an, wie der Richter höchst persönlich.
Ich hab nie raus kriegen können, woher Carlos das Regal bekommen hat. Vielleicht von irgend einem seiner griechischen Erbonkel. Oder von der Bienenkönigin höchst selbst. Es war aus schwarzer Mooreiche und glänzte wie Ebenholz, gedrechselte Säulen links und rechts, oben drüber einen Spiegel, der prüfend auf einen hinab sah, wenn man davor stand und über und über mit Schnitzereien eingefasst. Ich stand nur einmal davor, aber das war mir schon zu viel. Von dort oben mochte man sein Spiegelbild nicht ansehen. Und die weißen Kioskfliesen dahinter erinnerten mich an unsere Schlachter. Himmel das war ein Ding mit den Schlachtern… und dem Regal, ja!
Carlos kam mit einem großen, braunen Umschlag zurück. In diesem Umschlag stand für gewöhnlich die Zielperson, was ich von ihr wissen sollte, bis wann der Auftrag erledigt sein muss, welche besonderen Wünsche der Verwurstung es gab und was sie zahlen wollten.
Oh ja, Sie lachen wahrscheinlich, wenn ich von Verwurstung red´. Das sollten Sie nicht, mein Lieber, das sollten Sie auf gar keinen Fall, lachen… Haben Sie sich mal das neue Werbeplakat von denen Angeschaut? Oben, das Werbeplakat, Ecke Lorzingstrasse.
Die Jungs sehen alle Male brutaler aus, als ich es je sein kann. Sie machen auch keinen Hel aus ihren Ambitionen. Die sind es gewohnt, Leichenteile zu verarbeiten. Warum ich dann Salamibrot esse, fragen Sie vielleicht? Lustig, dass Sie das fragen. In meiner Pfeffersalami ist nicht viel mehr drinnen, als etwas Weizenmehl, Paprikapulver, Traubenzucker und jede Menge Geschmacksverstärker. Bringt Abwechslung aufs Brot, wissen Sie? Und ich muss nicht die vielen Ferkel quieken hören, wenn ich hinein beiß. So viele Ferkel… Außerdem traue ich den Jungs nicht mehr… Jawoll! Gehen Sie ruhig zum Schlachter Ihres Vertrauens.
Ich bekomme dann von Carlos also meinen Vorschuss, zehn Prozent plus Spesen und dann reden wir noch eine Weile. Das läuft immer so ab, er quatscht die ganze Zeit von der Familie und seinen Cousins, ich versuche mir einzuprägen, was in dem Brief steht. Das ist nicht so einfach, wenn Carlos quatscht und ich bin ja nicht so gesellig, wie Sie vielleicht schon geahnt haben. Die meiste Zeit bin ich froh, wenn es still ist; wenn ich für mich allein sein kann. Ich will, das endlich Ruhe ist. Wie wichtig kann ein Mensch auf dieser Welt sein, frag ich Sie? Das er sich selbst als Mittelpunkt seines Universums sieht? Ich brauch unbedingt Ruhe. Und so hatte ich mir ja das Geld auf die Seite gelegt, für mein Haus in der Normandie.
Nein, das Haus an sich war ja nicht so groß. Es sollte nur für mich sein, ein paar Hühner für frische Eier und ein zwei Hunde vielleicht. Aber ich wollte Land drum herum. Einen kleinen eigenen Wald vielleicht sogar. Ich hab da schon ein oder zwei Objekte ins Auge gefasst, aber der Makler will nicht so, wie ich es will. Obschon… jetzt ist ist sicher auch egal, oder was meinen Sie?“
Im Freischütz war es noch immer voll und der Lärm war ohrenbetäubend. Ich hatte mich lange bevor ich Cornelius zuzuhören begann, dem Lärm und dem Whisky hingegeben. Das ist das beruhigende an lärmenden Menschen… sie haben mit sich selbst zu tun, lachen ausgelassen, und ich denke, dass einige kiffen werden vor der Tür. Kiffen für den Weltfrieden. Aber das allerbeste an diesen Menschen war, sie ließen mich für gewöhnlich in Ruhe. Ich konnte dem ein oder anderen Gespräch lauschen, ohne dabei so tun zu müssen, als sei ich interessiert. Das war ich nämlich nie, nicht an dem Gespräch an sich, in das ich verwickelt werden sollte; viel mehr in die Motivationen, die Triebfedern hinter dem schönen Schein. Dazu ist es wichtig, dass man das ganze Bild im Auge behält, dass man beobachten kann, nicht selbst zum Akteur wird. Außerdem bin ich meist zu faul zum quatschen.
Und nun hab ich diesen plappernden Menschen vor mir, von dem ich nicht weiß, was er mir eigentlich sagen will, dem ich aber anmerke, dass es wichtig ist. Conny ist ein Mann, am Ende seiner fünfziger Jahre angekommen, bewegt er sich doch wie kaum vierzig. Er ist fast zwei Meter groß und scheinbar gewohnt, den Kopf einzuziehen, wenn er durch die Tür geht. Sein Kopf und sein Gesichtsfeld scheinen dagegen eher klein geraten zu sein. Das Gesicht dominiert eine Hakennase über schmalen, zusammengekniffenen Lippen. Die Mundwinkel sind beim Lächeln dennoch leicht nach unten gezogen, so als wolle er nicht lächeln, oder nicht als lächelnd erkannt werden…
Ich musste mich zwingen, den Blick abzuwenden, denn was ich da vor mir hatte ,sah eher wie ein instabiles Hologramm aus, als wie ein Mann aus Fleisch und Blut. Ich drehte mich zum Barkeeper und bestellte noch einen Moray und für meinen neuen Freund eine Apfelshorle, damit nicht doch noch ein Unglück geschah.
„Danke mein Freund. Wo war ich stehen geblieben? Bei dem Umschlag sicher. Ja, diese schönen braunen Umschläge. Auf der Außenseite steht schon ein großer Buchstabe drauf, so weiß ich direkt Bescheid, worum es geht. Diesmal stand ein U darauf und ich wurde skeptisch. Ich hatte noch nie ein U, wissen Sie?
Ja, natürlich steht an meinem Transporter MTU dran, aber das ist doch eher ein etwas sarkastischer Scherz, wenn Sie verstehen. U steht für Unfall und das ist gefährlich. Nicht nur für den Exilanten. Auch für mich natürlich. Bei einem gestellten Unfall kann es immer eine Spur geben, die auf mich verweist.
Ich nehm also den Umschlag, den mit dem U darauf, und mache ihn langsam auf, derweil Carlos wie gewohnt zu plappern angefangen hat. Und mir fällt gerade die Kinnlade herab, als ich den Preis sehe. Eine halbe Million Euro. Das war er, der eine Auftrag, der mir mein Haus in der Normandie bringt, der mir Ruhe einbrachte, weit weg von lärmenden, schmutzigen Menschenferkeln! Der eine Auftrag, den ich noch tun sollte, um endlich hier heraus zu kommen! Der letzte Auftrag?
Letztlich ist es gründlich schief gegangen, denn ich hab noch etwas zu erledigen. Mein Haus muss warten. Vielleicht wartet es…“
Conny war mit seinen Gedanken in weiter Ferne, wahrscheinlich auf dem Weg in die Normandie, und ich wollte diesen Moment nicht ungenutzt lassen. Wenn ich mich aufs Clo begebe, muss ich aufstehen, wenn ich aufstehe, wird mir der Whisky zu Kopf steigen, wenn mir der Whisky zu Kopf steigt werde ich unsicher und wenn ich unsicher bin, kann ich ihn anrempeln. Was für ein ausgeklügelter Plan Remo Lens! Und ich hatte wirklich darüber nachgedacht, wie ich ihn berühren konnte, ohne für schwul gehalten zu werden. Obwohl es mir hätte gleich sein können, da ich als Schreiberling ohnehin nicht viele männliche Atribute vorzuweisen hab. Wie Conny reagieren würde wäre das Risiko. Und ganz ehrlich? Ich bin eine verdammte Memme! Wenn ich seine Unterarme sehe, die aus dem bis zu den Oberarmen hochgekrempelten, karierten Hemd heraus schauten, es fehlte nur noch der Anker darauf! Wenn ich mir damit eine einfing? Ich hatte zugleich Respekt und Anerkennung für diesen Menschen übrig…

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