#2 Begegnung mit Flindt (first draft)

Ach was, ich bin neidisch und hab Schiß, so sieht es aus, auch wenn ich mir das Gegenteil einreden möchte… Nein, ich bin keine Memme, ich bin nur vorsichtig, das darf ja sein! Darum erlebe ich all meine Abenteuer nur am Schreibtisch, da kann ich aufstehen und meiner Wege gehen, ums Carré, einmal entlang aller Neubaublocks (nicht wenn es dunkel ist) oder in die Kneipe hier, wo viele Menschen sind und noch mehr Alkohol…
Jetzt! Ich stützte mich am Tresen ab, rutschte von meinem Barhocker, aber ohne ihn vorher in Richtung Saal zu drehen. Um ein Haar hätte ich mich zwischen dem im Boden verankerten Hocker und dem Holz des Tresen eingeklemmt. Ich schob mich in Conny´s Richtung, er stand hinter seinem Hocker, sein Blick hatte die Normandie noch nicht erreicht. Ich ließ mich noch etwas plumper in seine Richtung fallen, ich sollte dabei die Gravitation der Erde und ihre Schwerkraft in meine Bewegung mit einberechnen, wobei der Whisky ihre Physik potenzierte. 
Mir wurde schwindelig und ich stolperte noch vorn. Eigentlich hätte ich mit dem Kopf direkt in Cornelius landen müssen, da ich kopfüber wie ein Stier in das rote Tuch direkt auf seine Bluejeans zuhielt (was für ein Glück, ich mach keinen schwulen Eindruck!) und wartete auf das herannahende Unglück… aber da war nichts…!
Ich verlor fast das Gleichgewicht und musste mich auf dem Clo ersteinmal wieder sammeln. Ich entschloss mich, heim zu gehen und die Dinge dem Whisky zuzuschreiben. Es wird ganz einfach: Zurück an die Bar, bezahlen, heim gehen. Flindt keines Blickes mehr würdigen. Was interessiert es mich denn, warum er ausschaut wie ein Hologramm, das wird also zu den Dingen gehören, die ich in meinem Leben nie erfahren werde. Ich prüfe, ob der Reißverschluss meiner Jeans wirklich zu ist, als ich das Clo in Richtung Bar verlasse. Traue niemandem…
„Da sind Sie ja, mein Freund. Ich war wohl in Gedanken, dass ich nicht bemerkte, wohin Sie verschwanden. Wissen Sie, Es ist die eine Sache, jemanden verschwinden zu lassen. Die andere Sache ist es, es nach einem Unfall aussehen zu lassen. Und für all das hatte ich nicht einmal zehn Wochen Zeit. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass es sehr gut vorbereitet sein soll.
Für gewöhnlich stelle ich keine Fragen; mir selbst nicht und dem Auftraggeber schon gleich gar nicht. Aber in diesem Fall taten sich unweigerlich Fragen auf: Warum war dieses Mädel eine halbe Million wert? Sagte ich, dass es sich um ein Mädel handelte? Ja, ist das zu fassen? Keine dreißig Jahre alt und so wie ich es feststellen konnte, sehr korrekt in dem, was sie tat. Ich nannte sie liebevoll Little Miss Perfekt. Alles immer so korrekt. Und was nütze es am Ende? Und die nächste Frage war: Warum so etwas unsicheres inszenieren, wie einen Treppensturz? Wissen Sie, wieviel unter dreißigjährige Frauen im Jahr auf der Treppe stürzen? Und dazu noch so verquer, dass sie daran sterben? Ha, da gibt es doch bessere Methoden!
In diesem Fall würde es Ermittlungen geben, so viel ist mal sicher. Wirklich. Gut, ich kannte den Kommissar und seinen Hilfsscherif. Ja, natürlich gehört es zu meinen Aufgaben, informiert zu sein! Ich muss immer alles wissen und die Leute kennen, sonst könnte ich diesen Job nicht machen. Und ich mache ihn schon lange, wissen Sie?
Früher habe ich einmal Fliesen gelegt. Das mach ich immer noch dann und wann, damit man mich auch arbeiten sieht und niemand fragt: Womit verdient der Conny eigentlich sein Geld? Ja, ich kann Ergebnisse vorweisen: Ah, der Conny, der hat ja bei Ella zuletzt die Fliesen im Bad erneuert und beim Piepenaugust auf´m Bau die ganzen Nasszellen saniert… Hat er gut gemacht…
Es stimmt, das war schon letztes Jahr, aber es reicht aus, damit die Leute nicht anfangen zu quatschen. Oder mich für einen komischen Kauz halten. Halten Sie mich für einen komischen Kauz? Vielleicht, aber das spielt im Moment keine Rolle. Sie müssen das verstehen und Sie werden mir helfen müssen. Am Ende werden Sie es gern tun. Ich muss nur die richtigen Worte finden…
Ja, wenn man die Schablone der Ethik über mein Leben hält, dann könnte man schon auf den Gedanken kommen, dass Der Kommissar und sein Hiwi nur ihren Job machen und alles, was dann geschah, nur zu Recht so geschehen musste.
Bis dahin hatten die beiden mir noch nie etwas nachweisen können, auch wenn ihr Bulleninstinkt ihnen sagte, dass mit mir etwas nicht richtig war. Sie konnten nichts finden; keine Leiche, kein Fall… und guten Appetit derweil, beim nächsten Kasslerbraten. Pfui, Spinne… wer isst schon Leichenteile?
Ja, gehen Sie nur zum Schlachter Ihres Vertrauens, sag ich Ihnen. Das ist ein verdammt guter Rat und obendrein auch noch kostbar, wenn Sie verstehen, was ich meine.
Ich hab also meinen neuen Auftrag, ein Treppensturz soll es werden. Ich schüttel den Kopf, weil ich es nicht versteh, kann aber gut auf Diskussionen verzichten und lass mich von Costa auszahlen. Ich seh ihn unverwandt an, als ich bemerke, dass er noch immer quatscht und ich kein einziges Wort verstanden hatte. Dann schiebt er den ganzen Brief samt Inhalt in den Schredder… alles schon gemerkt… hätten Sie mir nicht zugetraut, was?
Ich geh hinaus zum Wagen und muss dabei auf zwei Dinge achten. Zum Einen, keine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken und zum Zweiten, nicht auf ein Insekt zu treten. Kommt Ihnen komisch vor? Ja, das kann ich mir denken: Ein langer Mann, der seine besten Jahre bereits hinter sich hat und bei seinem Gang ausschaut, wie eine Mischung aus Burattino und Popey…“
Es klang noch immer eher nach trockenem Husten, als nach einem Lachen, was er da von sich gab. Wahrscheinlich amüsierte ihn diese Vorstellung. Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, auch wenn ich bemüht war ihn völlig zu ignorieren. Ja, ich hatte meinen Plan durchgezogen, war an die Bar gegangen, hatte bezahlt, mich vom Barkeeper seltsam mustern lassen, war nach Draußen geschwankt und hatte, einen Fuß vor den anderen setzend, den Heimweg angetreten. Langsam, schön langsam… und nur nicht vom Wege abkommen.
Einzig Edmond Cornelius Flindt ließ es vollkommen ungerührt. Er ging einen halben Schritt hinter mir, an meiner linken Seite und wurde nicht müde, seine Geschichte weiter zu erzählen. Mein Kopf schmerzte. Warum ich?
Was mich beruhigt ist die Tatsache, dass ich wahrscheinlich nicht unter paranoider Schizophrenie leide. Dazu hätte ich vorher schon schizophren gewesen sein müssen. Und ich denke, das wäre mir aufgefallen. So schreibe ich Conny Flindt meiner Fantasy und den gegenwärtigen Umständen zu. Ich kämpfe mich heimwärts und lass ihn einfach reden. Keine Ahnung, warum er solch einen Enthusiasmus an den Tag legt… oder in die Nacht, dem zur Folge.
„Warum ich Ihnen das erzähle, mein Freund?“ Flindt schien meine Gedanken zu lesen, was beunruhigend wirkt. Ich antworte nicht.
„Darauf komme ich gleich zu sprechen und es ist eine einfache Sache. Sie haben ja die Mittel und die Möglichkeiten und sind leicht für mich zu erreichen. Aber Sie müssen besser aufpassen!“
Flindt packte mich mit seiner rechten Pranke an der linken Schulter und zwang mich stehen zu bleiben. Eine Halluzination, die handgreiflich wird, das ist neu. Mein Magen rebelliert und ich möchte mich übergeben, aber ich stehe Flindt gegenüber und hätte ihm auf die Schuhe gekotzt. Kein schöner Tod, denke ich mir. `vorgebeugt ist noch immer besser, als auf die Füße gekotzt´, schießt es mir durch den Kopf und ein irres Kichern steigt in mir auf. Reiß dich bloß zusammen, Remo! „Hier sind überall kleine Feuerwanzen auf dem Weg und Sie dürfen sie nicht kaputt treten! Das wäre nicht gut… gar nicht gut… „
Feuerwanzen? Echt jetzt? Wovon in Herrgotts Namen spricht dieser Mann? Mein Schädel droht zu zerplatzen und ich will in mein Bett. Wenn er mir etwas antun wollte, so hätte er es bereits getan, denke ich mir und setze meinen Weg fort. Aber ich versuche dabei auf meine Füße zu achten, damit ich nirgends drauf latsche, was eventuellen Unmut zur Folge hätte. Flindt scheint es zufrieden damit, denn er hat seinen Monolog wieder aufgenommen, mir weiterhin folgend.
„Meine Freundin hatte es mir gesagt… Meine Freundin, ja. Sie sagte, ich seh aus, wie eine fesche Mischung aus Popey und Burattiono. Burattiono, weil ich immer den Blick auf den Bordstein richte beim Gehen, wegen der Käfer und so… Dabei ragt hier hinten mein Wirbel wohl etwas hervor, dass es ausschaut, als sei ich an einem Faden aufgehangen. Popey wegen meiner kräftigen Unterarme und der Neigung zum Hohlkreuz, obwohl ich Spinat nicht mag. Und meine Freundin sah auch keineswegs aus wie Olivia, das können Sie mir glauben. Im Gegenteil! Eigentlich war sie sehr fett. Aber ja, ich war verliebt. Das glauben Sie nicht?
Sie war warm und sauber; und für eine Zeit konnte sie sich gut anstellen. Ihr Leibgericht war Wurstgullasch mit Nudeln. Nudeln mit viel Butter… und irgendwann quollen ihre Hüften davon über, so dass ich sie nicht mehr anpacken wollte. Wurstgullasch… wer isst das schon? Und sie hat mich ausgelacht, weil ich so ging, wie ich nun mal ging… dabei watschelte sie selbst wie eine Enten… nichts für ungut.
Es ging ein halbes Jahr und dann war ich ihr Geschnatter leid. Außerdem hatte ich diesen neuen Auftrag, das kam gleich danach. Also dieses eine U, für Unfall. Ich brauchte mein Gehirnschmalz also für andere Sachen, als für dieses Ding, dass sich meine Freundin nannte. Und ich sage Ihnen, Kumpel, hüten Sie sich vor der Rache einer verschmähten Frau! Aber hinterher ist man immer schlauer. Sie dachte natürlich, ich hätte es auf Little Miss Perfekt abgesehen. Verflucht noch eins, hätte ich doch mehr von Frauen verstanden! Ich dachte mir, noch diesen Auftrag und ich bin sowieso fort von hier, so dass ich mich nicht um Weibergeschichten kümmern muss. Na, fort bin ich, soviel steht fest.
Ich wollte Ihnen aber mehr von der Bienenkönigin erzählen. Sie war das Oberhaupt der Firma und ich glaub, sie hätte einen besseren Kerl abgegeben, als viele, die ich kannte. Hatte Haare auf den Zähnen, verstehen Sie? Vielleicht war Sie neidisch darauf, keinen Pimmel zu haben, was weiß ich, sie war schlimmer als drei Kerls zusammen. Wenn ihr also eine Nase nicht mehr in den Kram passte oder der Sergey die falschen Mädchen ausgesucht hatte, dann hieß es schnell `Ab mit dem Kopf!´ ja, wie bei Alice, so kann man es sich vorstellen. Und dann kam ich ins Spiel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.