#3 Begegnung mit Flindt (first draft)

Ich hatte vor vielen Jahren einige Wäschereien für sie gefliest und so begann das ganze Unglück. Sie hat einen Blick für Menschen, die ihr nützlich sein können und meinen Schwachpunkt hat sie schnell raus gehabt. Ja, Sie hätten es nicht so schnell erraten, was? Ich rede manchmal bisschen viel… und da muss ich ihr wohl von meinem Haus in der Normandie erzählt haben. Für eine Weile war ich dann ihr persönlicher Pitbull. Wurde immer dort hin geschickt, wo eine laute Stimme und eine imposante Erscheinung gefragt war…
Als ich am Morgen erwache, scheint das Tageslicht durch das Fenster meiner kleinen Wohnung in der Goethestrasse. Ich hab einen absoluten Filmriss. So setze ich mich im Bett auf und reibe mein Gesicht mit den Händen ab. Ich hab nur noch meinen Slip und meine Socken an; rote Socken heute. Hab ich mich noch ausgezogen gestern? Sieht mir gar nicht ähnlich. Und wo sind meine Sachen?
Nie wieder Whisky, schwöre ich mir und gehe zum Fenster. Hinter der Gardine kann ich ungestört die Menschen beobachten, die auf dem Weg zum Marienplatz oder zum Platz der Jugend sind. Heute nicht. Ein großer, weißer Transporter steht direkt vor meinem Fenster. “Fliesen MTU – gelegt – gewinnt!” Das ist ein Scherz, oder? Mir wird heiß. Es beginnt in der Magengrube und breitet sich im ganzen Körper aus, so dass es bald unter dem Armen und den Haarwurzeln zu kribbeln beginnt. Was zum Henker macht Flindt´s Transporter hier? Und wo ist er?
Ich durchwühle meine Unordnung nach meiner Jeans und einem Shirt, als ich es in der Küche scheppern höre. “Verzeihung! Hab ich dich geweckt?”, rief Conny. Mir blieb der Mund offen stehen. “Ich dachte mir, jetzt, da wir unsere erste Nacht miteinander verbracht haben, kann ich dich duzen, denkst du nicht?” Ein vielsagendes Lächeln umspielt seine Lippen. Ich bin immer noch starr vor Schreck. “Was glotzt du wie ein Plötz? Es war nicht leicht, dich ins Bett zu bekommen…” Er lachte schallend. Ich fand es nicht lustig. “Du wolltest mich ja nicht einmal ins Haus lassen… Kaffee?”
Erst jetzt viel mir auf, dass es nach Kaffee duftete und ich dringend Koffeine nötig hatte. Tausend Fragen schwirrten in meinem Kopf. “RAUS!” schrie ich ihn an. “Sofort RAUS aus meiner Wohnung!”
“Ja, das ist kein Problem, ich kann draußen warten. Ändern wird es nichts.” Er sah mich so ruhig an, dass es mich irritierte. “Das ist nicht möglich. Du bist nicht real. Ich nehm keinen Fliesenleger aus der Kneipe mit nach hause. Ich bin nicht Schwul. Du bist nicht real. Du bist NICHT REAL!”
Meine Stimme überschlägt sich bei den letzten Worten. Und als Conny auf mich zu kommt, werte ich es als einen Angriff.
Dass er mir nur den Kaffeepott reichen will, erkenne ich erst, als ich ihn ihm aus der Hand schlage und die ganze Schose quer durch meine Stube verteile. Ich seh den Kaffee in Zeitlupe durch die Luft fliegen. Conny hat an Milch gedacht. Woher weiß er, dass ich Milch nehme?
“Sowas…” sagte er und ging zurück in die Küche. Ich hatte keine Lust zu warten, was er sich als nächstes einfallen lassen wollte, schnappte mir meine Jacke und wollte nur noch verschwinden. Ich haste aus dem Haus, renne die Goethestrasse entlang, Richtung Platz der Jugend, biege ab zur Graf- Schack- Allee auf den Berta- Klingenberg Platz und weiter in Richtung Schloßpark. Ich hab keinen genauen Plan, wo ich hin will, nur weg! Vielleicht will ich mich unter den Bäumen verstecken. In Deckung gehen, nachdenken…
Ich bin keine Sportskanone und mein viel zu weicher Körper quält sich. Sicher mach ich mich zum Gespött der Leute, denen ich auszuweichen versuche, zwei junge Mädchen mit langen, goldblonden Haaren drehen sich nach mir um und kichern. Ich hab die Ellenbogen eng an meinen Oberkörper gepresst, die Hände zu Fäusten geballt, meine etwas zu langen Haare wehen hinter mir her und meine Schritte sind zu klein.
Mit meiner Cordjacke und den aufgesetzten Lederflicken an den Ellenbögen wollte ich einen intellektuellen Eindruck machen. Jetzt sah ich nur aus, wie ein zu dick geratener, großer Junge, der eine Heidenangst hatte und mit viel zu kleinen Schritten weiß Gott wohin rannte. Am Schlosspark- Pavillon hielt ich an. Ich beugte mich vorn über und stützte meine Hände auf die Knie. Mein Atem pfiff und rasselte, mein Kopf brannte, aber ich schien in Sicherheit.
“Wir müssen reden, Remo.” Ich erschrak so heftig, als ich mich viel zu schnell umdrehte und Flindt hinter mir stand, kein bisschen außer Atem. Sein Transporter stand wenige Meter hinter ihm. Ist er hier her gefahren? Was ist denn nur los hier? 
“Das weiß doch ich nicht!”, antwortete Flindt, meine nicht gestellte Frage aufgreifend. “Aus irgend einem Grund bin ich in deiner Realität gelandet. Ich stelle es mir so vor: Ich hab noch etwas zu erledigen und du wolltest doch berühmt werden, oder irre ich mich?
So haben sich unsere Schicksale verwoben. So bin ich da, wo du bist. Ich kann deine Sachen und dich anpacken, du genau so mit meinen denke ich. Das hab ich noch nicht versucht. Und du kannst nicht vor mir weg laufen, das solltest du begreifen!” Ich hörte nicht mehr zu, ich rannte wieder… Ich hätte mir in meinem ganzen Leben nicht träumen lassen, dass ein einziger Körper so schmerzen kann! Gut, ich bin auch in meinem ganzen Leben nicht so viel gelaufen.
Eigentlich hab ich mich immer sehr gut drücken können vor etwas, das sich für mich anstrengend anfühlen könnte. In meiner Vorstellung war ich als ganz junger Mann ein strammer Matrose. Es bietet sich an hier im Norden, etwas mit der See anzufangen. Aber ich blieb immer messingsch, nicht Fisch, nicht Fleisch. Als ich dann zur Musterung sollte, hatte ich plötzlich ein sehr schwaches Herz, häufige Panikattacken und konnte zu schlecht sehen.
In Wahrheit bin ich so blind wie ein Maulwurf, wenn ich meine Brille nicht auf hab. Dennoch war es mein Wunsch, als Matrose in toller Uniform… ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was ein Matrose auf See tut, nur eben diese romantische Vorstellung. Letztlich war ich froh, dass ich ausgemustert wurde. Mir ging es danach auch wieder besser… gesundheitlich. Die Panikattacken sind fast ganz verschwunden… nur noch selten hyperventiliere ich… meistens, wenn ich mich in eine Situation derart hinein steiger, dass ich selbst felsenfest davon überzeugt bin, dass mich nur noch eine Ohnmacht retten kann, so wie in diesem Augenblick.
Noch immer bewegen sich meine Füße schnell, der Rest meines Körpers scheint versuchen zu wollen, ihnen zu folgen. Vor meinen Augen tanzen schwarze und leuchtende Punkte. “Sterne” hätte ich gesagt, wenn ich es hätte beschreiben sollen. Ich bin am Ende… und wenn Flindt mich wieder einholt, bin ich am Arsch!
Ich überquere die Brücke, die über den Burggraben zum Festland führt, mit Mäuseschritten. Die Brücke scheint immer länger zu werden. Besucher drängen sich, die Sonne scheint. Nur mit Mühe schaffe ich es, den leichten Anstieg der Schloßstrasse zu bewältigen. Menschen sind gut, denke ich. Menschen sind sehr gut… je mehr Menschen, desto geringer die Gefahr… Am Café Prag flitze ich vorbei und biege an in die Puschkinstrasse. Ja, ich habe ein Ziel. Das Café Prag hat mir immer ein wenig zu viel Chickimicky an den Tag gelegt, also versuche ich im Café Rothe mein Glück. Ich halte mich noch einen Moment am Geländer zum Eingang fest und öffne die Tür.
Es duftet nach frischem Kaffee und Zaubergebäck. Das Interieur im Jugendstil lässt mein Herz höher schlagen vor Lust. Hier hab ich schon manche Nachmittage verbracht, still, Menschen betrachtend, Geschichten erfindend, geborgen. Ich grüße Marry, die Servicekraft und nicke ihr zu, als Zeichen für meine Bestellung. Dann steuere ich meinen Stamplatz an: Links am Buffet vorbei, in der Ecke zum hinteren Räumchen. So kann mir niemand in den Rücken fallen, sich von hinten anschleichen oder erschießen, wie es Wild Bill Hickhok erging, unten in Dethwood.
Ich versuchte, langsam wieder zu Atem zu kommen, fühlte meinen Puls am linken Handgelenk und bemerkte aus dem Augenwinkel eine Gestalt um die Ecke kommen. ‘Oh, Marry ist schnell heute…’ dachte ich noch und wunderte mich, dass sie sich zu mich setzte. Ich spürte zuerst in den Fingern meiner rechten Hand, wie mein Puls sich Puls überschlug. Ich war in die Falle geraten! Links von mir war die Wand, rechts von mir saß Flindt. Und er war so nah heran gerückt, dass ich mich kaum mehr bewegen konnte. Ich hätte nirgends hin können, ohne Tische und Stühle, vielleicht auch andere Gäste umwerfen zu können.
“Verstehst du es jetzt?”, fragte er. Er gab sich keine Mühe dabei, leise zu sein. Er stützte sich mit seinen verschränkten Armen auf dem Tisch ab, wobei sich seine rechte Hand nicht um seinen, sondern um meinen Oberarm schraubt. Trotzdem ich noch immer mein Cordsacko an hab, kann ich seinen festen Griff deutlich spüren. Wogegen seine Gestallt noch immer dieses eigentümliche, graue Rauschen hatte, als wenn man terrestrisch fernsieht.
“Weißt du, was eigentlich dein Problem ist?”
“Ja.”, flüstere ich, denn ich bin mir nicht sicher, ob Flindt für die anderen auch wahrnehmbar ist oder ob ich hier Selbstgespräche führe. “Ich bin eine Memme, fürchte ich.”
Marry kam um die Ecke und brachte auf einem Tablett ein Kännchen Kaffee und ein extra groß geschnittenes Stück Schwarzwälder Kirschtorte mit anderthalb Kirschen drauf. Sie lächelte mich an und stellte das Tablett ab. “Wie siehst du denn heute aus? Hast du es eilig?”
“Nein, Marry, danke, nein, jetzt nicht mehr.” Ich versuchte, an ihrem Blick abzulesen, ob sie mich vielleicht für seltsam hielt, weil ich so einen großen, schweren Mann neben mir sitzen hatte, der in einem karierten, bis an die Oberarme hoch gekrempelten Hemd so aus sah, als hätte er sich liebevoll bei mir untergehakt, es sich aber nicht viel anders anfühlte, als hielte er in der anderen Hand eine Knarre!
“Sie sieht mich nicht, Remo. Und du musst mir endlich weiter zuhören!” Wie lange kann ich hier sitzen und mich tot stellen, ohne dass ich aufsehen errege? Wie lange kann ich meinen duftenden Kaffee unberührt und die Sahnetorte dahin schmelzen lassen? Ich sehe, wie sich die Spitze des Tortenstücks bedrohlich zur Seite neigt. Flindt presst das Fleisch meines Oberarms mit seiner riesigen Hand noch weiter zusammen, um mich zu einer Reaktion zu motivieren.
Ich überlege meine Optionen: Abhauen geht nicht, ich sitze in der Klemme. So tun, als würde ich mich interessieren? Dann könnte ich vielleicht meinen Kaffee dabei trinken und das Tortenstück aufessen. Ich könnte mir so den Magen voll hauen, dass ich platze und vor lauter Verdauungsschwierigkeiten nichts mehr denken muss. Flindt fragen, ob er mich gehen lässt? Unwahrscheinlich.

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