#4 Begegnung mit Flindt (first draft)

“Siehst du, es wird langsam…”, sagt er und schmunzelt wieder auf diese Art und Weise, die mich wie einen verdammten Deppen dastehen lässt… sitzen in meinem Fall, da sitzen…

Flindt lässt meinen Arm aus der Falle, lehnt sich zurück, legt seine Füße auf den Stuhl neben ihm und verschränkt die Finger seiner riesigen Hände über seinem Murmelbauch übereinander. Er schnauft zufrieden, so als hätte er sich ebenfalls enorm anstrengen müssen.

Ich fasse nach Kaffeetasse und Untersetzer und bemerke, das meine Hände noch immer zittern. Ein leises Scheppern begleitet sie auf dem Weg zu meinem Mund. Der Kaffee und die Wärme tun gut in meinem nervösen Magen und gleich wird das High von Fett und Kohlenhydraten folgen… dann kann man mir erzählen, was immer man will… (Dann sehe ich aus, wie ein kleiner Andro- Bot, der mit einem leisen “Ungh!” an seine Ladestation zurück gefahren und angedockt ist, die Augen zu feinen Schlitzen ausgeknipst, glänzend. Das Licht ist zwar noch an, aber es ist niemand mehr daheim. Ich freu mich darauf.)

“Du hast vielleicht gar nicht so unrecht, Angst vor mir zu haben.”, begann Flindt. “Ich kann es dir nicht verübeln. Zum einen bin ich ein Auftragskiller… gut, ein Auftragskiller, der in der Fremdenlegion diente und eine gute Zeit lang Fliesen legte, aber ein Auftragskiller. Zum anderen bist du wahrscheinlich der einzige, dem ich überhaupt noch weh tun könnte, wenn ich es wollte… das verstehe ich natürlich.
Mir ging es allerdings nie um die Schmerzen, die es verursachte, mir ging es immer nur um die Stille. Diese endlose Stille, wenn es vorbei ist. Daher hab ich auch nie die Umschläge gemocht, auf denen ein T für Totschlag drauf stand. Ein T war eine schmutzige Sache. Es machte viel Lärm und Dreck und brauchte immer viel Vorbereitung. Es ist nicht schwer, einen geeigneten Ort zu finden, hier in der Gegend, das kannst du mir glauben. Viele Häuser und Hallen stehen lehr und es gibt wilde Deponien, von denen man nicht eine wiederfinden könnte, wenn man dort auch nur irgend etwas verloren hätte…
Ich erinnere mich an Marek Duda, den kleinen Polen, Sohn des alten Bogumił Duda. Die Bienenkönigin hätte sich besser nicht mit ihm Angelegt. Seinen Sohn auszuschalten war keine gute Idee.

Bogumił hatte ein riesiges Imperium geleitet, das meiste lief über günstige Bauträgergeschäfte, aber es waren eben auch Drogenschiebereien dabei und das ärgerte die Bienenkönigin ungemein. Sie wollte alles. Der Hydra den Kopf abzuschlagen, um sie dann auszuwaiden und zu verspeisen, war ihr zu wenig. Sie wollte den Alten brechen. Sie statuierte ein Exempel. Indem sie ihm den Sohn auf so brutale Art und Weise nahm, wollte sie allen zukünftigen Konkurenten klar machen, mit wem sie es zu tun hatten. Na, das weiß ich jetzt.

Ich bekam also den Umschlag, der mit einem T versehen war und wusste schon, er würde viel Dreck machen und Lärm. Damals kümmerten mich die Zielpersonen wenig. Ich hatte mein Ziel und das lag weit weg, in der Normandie. Ich hätte besser aufpassen sollen. Durch meinen Dienst in der Fremdenlegion war ich darauf gedrillt, Befehlen zu gehorchen.

Über einen Monat wurde ich zu Mareks Schatten. Ich wusste, wann er des Morgens das Haus verließ, was er vor hatte und bald hatte ich seinen Rhythmus heraus. Immer donnerstags hatte er sich angewöhnt, mit seinen Kumpels lange im … zu sitzen und Karten zu spielen. Dabei gab es reichlich Whodka und gegen Morgen schlich er sich heimwärts. Da hab ich ihn mir gekrallt; kurz vor der Haustür.

Er stank unglaublich nach Alkohol und Schweiß und jammerte schon hinten im Wagen, da waren wir noch nicht einmal losgefahren. Ich brachte ihn in die alte Industrieruine, hinten Hopfenbruchweg, oben, wenn man vom Güterbahnhof in Richtung der Gärten geht auf der linken Seite. Kennst du das? (AdR: Sind wir schon beim Du?) Ja, richtig. Dort ein ganzes Stücke hinter dem Kindergarten. Aber in der Nacht um drei ist es dort unglaublich still. (AdR: Vielleicht ist er auch in dem Quartier dort oben?)

Ich hatte schon alles vorbereitet: Eine große Plane, einige Haken an Ketten… es würde Blut fließen und ich schrieb der Bienenkönigin eine SMS, dass es jetzt los gehen würde. So ein Spektakel ließ sie sich ja nicht entgehen. 

Mareks Augen über seinem verklebten Mund schienen aus ihren Höhlen zu quellen, sie waren weit aufgerissen, dunkel und ahnten wahrscheinlich schon, dass es kein gutes Ende nehmen würde. Ich hatte ihn gut verpackt, wie ein Päckchen zugeschnürt, verstehst du? Ich liebe Überraschungen nicht.

Ich warf ihn mir über die Schulter, als ich ihn aus dem Wagen hiefte und brachte ihn in eine der Hallen. Er versuchte sich zu wehren, wollte sich ganz steif machen. `Gib Ruhe, sonst mach ich das für dich!´, sagte ich und er entspannte sich ein wenig.

Die Bienenkönigin war schon eingetroffen. Die Halle war durch zwei Baulampen ausgeleuchtet. Meine Schritte hallten von den Wänden wieder und Marek begann erneut zu quiken. Ich stellte ihn vor mir ab und riß seine Arme nach oben, noch bevor er sich mit seinem ganzen Gewicht auf mich schmeißen konnte, und hängte sie an einem der Haken auf. 

Die Augen der Bienenkönigin glänzten vor Erregung. Sie hatte einen beigen Wollmantel an mit einem breiten Kragen aus Kaninchenfell. Dazu einen knielangen Rock und weinrote Stiefelchen, die ihr bis über die Waden reichten. Ihre Haare waren gut friesiert, wie immer, nur hatte der Wind etwas daran gezaust. Sie war noch immer wunderschön. Schade, nicht meine Liga. 

Aber ich wollte ihr zeigen, was es hieß, ein Legionär zu sein, also konnten die Spiele beginnen. Ich riß Marek das Tape vom Mund und er schrie das erste Mal laut auf. `Was soll das? Was wollt ihr von mir?´, brüllte er. Ich holte aus und schlug zu. Etwas zu kräftig vielleicht. Marek wurde ohnmächtig und die Bienenkönigin ungehalten. Es verzögerte ihren Genuß, ich musste warten, bis er wieder zu sich kam. Dann ging es allerdings sehr schnell. Ich hatte mit dem Messer die richtigen Schnitte gesetzt und ein Lächeln umspielte den sinnlichen Mund der Bienenkönigin. Marek quikte wie ein Ferkel. 

Und natürlich hatte die Bienenkönigin auch einen Tatortreiniger unter Vertrag. Eine junge Frau, klein, mit kurzen Haaren und großer Brille. Hatte immer gelbe Gummihandschuhe an, die ihr viel zu groß waren und gelbe Gummistiefel. Oft kam die Bienenkönigin, wenn die Zielperson ihre Abreibung bekam und ging, wenn sauber gemacht wurde. Ich denke, sie wurde scharf von der Gewalt. In mir war ein Schalter umgelegt, ich funktioniert nur noch, wie eine Kampfmaschine… einmal in der Fremdenlegion, immer in der Fremdenlegion…

Was ich nicht bedacht hatte, war die Tatsache, dass ich eine junge Frau auf meiner Liste stehen hatte, die diese Welt kein bisschen kannte. Für sie waren die Menschen böse, die vergaßen, ihre Rechnungen pünktlich zu bezahlen und Ärger mit dem Gerichtsvollzieher hatten. Sie war wirklich ein kleines Fräulein Perfekt. Und ihr einziges Vergehen war, dass sie mit dem falschen Mann verheiratet war. Dieser Mann wollte das Imperium an sich reißen und zwar, indem er die Tochter der Bienenkönigin umwarb. Alles war in Gefahr! Angefangen vom zweihundert Jahre alten Firmennamen: J. H. Behnfeld & Söhne GmbH, seit 1818, bis hin zu den guten Beziehungen zu den Ukrainern… die mochten diesen affektierten Schnösel nicht und es würde keine Mädchen mehr geben, wenn er die Bienenkönigin vom Thron gestoßen hätte… 

Ich dachte, es wäre dann einfach, ihn aus dem Weg zu räumen… aber das hätte Töchterchen ihrer Frau Mama nie verziehen und das Imperium wäre alle Male futsch. Was also tun? Da liegt nichts näher, als die Frau (denn er war noch verheiratet) dieses Snops so verunfallen zu lassen, dass es wie Mord aussieht und er dafür in den Knast einfährt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie lange ich brauchte, um dahinter zu kommen. Nun, letztlich verstand ich es und ich weigerte mich, dem Mädchen etwas anzutun, wo sie doch nur auf den falschen Typen herein gefallen ist. Und was sagst du dazu: Heißa, jetzt bin ich hier. Meinen Auftrag hat wahrscheinlich jemand anderes bereits erledigt oder ist kurz davor und das Morden geht brav weiter, ohne dass es irgendwann Ruhe gibt…” Er schnaufte verächtlich und sah mich an. Ich hatte eine weitere Gabe voll Sahnetorte auf dem Weg zu meinem Mund und hielt in der Bewegung inne. Flindt schaute mich erwartungsvoll an, so als hätte ich verstehen müssen, was er von mir wollte. Das tat ich aber nicht. “Es ist doch nicht so schwer, mein Freund! Du bist meine Verbindung zu realen Welt und gemeinsam mischen wir den Laden auf.” 

Immer noch meine Hand mit der Gabel und der Sahnetorte zum Mund hin haltend, sah ich ihn entsetzt an. “Du meinst du und ich? Du und ich gegen ein Drogenkartell und Mädchenschieberbande??? Gegen was? Ukrainer???” Die Torte plumste von der Gabel in meinen Schoss. Ich versuchte ihr auszuweichen, vergeblich. “Ach, Scheiße! Schau dir das an!” Ich versuchte den Fettfleck aus der Hose zu reiben. “Ich kann das nicht… läßt du mich durch? Ich muss auf Clo und den Scheiß hier abreiben!” 

Flindt ließ mich tatsächlich vorbei, obwohl ich mir nicht sicher war, ob ich nicht durch ihn hätte hindurch gehen können; das habe ich noch nicht ausprobiert. Weil ich von meiner Mutter gelernt hab, im Sitzen zu pinkeln UND weil ich Angst hatte, gleich wieder beobachtet zu werden, schloss ich mich in eine der Kabinen ein. Ich musste nachdenken. Ich hatte schon begriffen, dass ich keine Chance hatte, davon zu kommen, jedenfalls nicht durch weglaufen. Aber ich kann doch nicht bei diesen Gangstern auftauchen? Wo sollte ich denn Anfangen? Einfach dort hereinspazieren und sagen: ‘Hey, ich bin Remo Lens und ich räum jetzt hier auf?’ Pff… Mit bis über den Knien herunter gelassener Hose saß ich da und hatte verdammt viel Mitleid mit mir. Wie kam ich denn aus der Nummer wieder raus?

“Gar nicht, Prinzessin!” Flindt war in der Nachbarkabine auf die Closchüssel gestiegen und schaute über die Pappwand, mit den Ellenbogen aufgestützt, wie meine Großtante am Fenster. Er grinste breit.
“Mach das du weg kommst!” schrieh ich ihn an.
“Wie bitte?”, meldete sich eine fremde Stimme aus der Richtung der Pissoirs.
Ich sortierte mich und verließ hastig das Clo. Auf den Rest Kaffee hatte ich keine Lust mehr. “Wir gehen heim.”, sagte ich zu Flindt und zahlte bei Marry am Tortenthresen meine Rechnung. Sie schaute etwas zu mitleidig, dachte ich. “Quatsch, die is´scharf auf dich!” Wir verließen das Café Rothe und gingen über den Markt, Richtung Boulevart davon. “Wir müssen uns einen Plan machen, so geht das nicht!” Ich vermied es, Cornelius direkt anzusehen. Ich konnte dieses Grinsen nicht ausstehen.

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